In ihrem neuen Roman erzählt Bestsellerautorin Hera Lind eine wahre Geschichte, die ans Herz und nie wieder aus dem Kopf geht ... Acht Jahre nach ihrer Traumhochzeit ist Angela zum dritten Mal schwanger und mit ihrem Mann Michael immer noch so glücklich wie am ersten Tag. Bis das Unfassbare passiert. Angela erleidet einen schweren Gehirnschlag und fällt ins Wachkoma. Sie ist gefangen in ihrem eigenen Körper. Laut Aussage der Ärzte leidet sie an dem »Locked-in-Syndrom« und wird sterben. Doch Michael will das nicht akzeptieren. Dank seiner aufrichtigen Liebe und seines Einsatzes bringt Angela einen gesunden Sohn zur Welt. Und sie überlebt ...
EAN:
9783453354456
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Nebenan klingelte das Telefon, und kurz darauf öffnete sich die Bürotür einen Spalt weit.
"Herr Röhrdanz, Ihre Frau auf Leitung drei!"
Ein kalter Windzug streifte seinen Nacken.
"Stellen Sie durch", sagte Michael Röhrdanz zu der wasserstoffblonden Vorzimmerdame und
scheuchte sie mit einer Handbewegung hinaus. Er saß gerade angespannt über eine
komplizierte Kalkulation gebeugt, aber um mit seiner Angela sprechen zu können, würde
Röhrdanz den Bau eines Weltimperiums unterbrechen. Er vermisste sie immer noch in der
Firma. Vor seinem inneren Auge sah er wieder vor sich, wie sie damals als Auszubildende
erstmals schüchtern an seine Türe geklopft hatte. Mit ihr war nie ein eiskalter Luftzug ins
Zimmer gekommen - im Gegenteil: Es war ihm immer warm ums Herz geworden, wenn
Angela erschienen war.
Jetzt war sie seit acht Jahren seine Frau und die Mutter seiner zwei, ja bald drei Kinder! Er
grinste unwillkürlich, als er daran dachte, wie er sie angestarrt hatte, während sie versuchte,
mit den schweren Bowlingkugeln zu hantieren. Und wie er sich nachher zu ihr und ihrem
Freund in das winzige Auto gequetscht hatte, um noch in eine andere Kneipe zu fahren. Wie
er sie dem Grünschnabel ausgespannt hatte. Wie er bei ihren Eltern, die nur wenige Jahre älter
waren als er selbst, um ihre Hand angehalten hatte. Jetzt war sie längst keine schüchterne
Person mehr!
Ein erwartungsvolles Lächeln breitete sich auf seinem Gesicht aus, als er zum Hörer griff.
"Hallo, Liebes! Wie geht es meiner schönen schwangeren Frau?!"
"Nicht so toll", kam es ziemlich bedrückt aus der Leitung. "Ich hab irgendwas am Arm."
"Am Arm? Ich dachte, schwanger ist man im Bauch?" Röhrdanz verzog den Mund zu einem
spitzbübischen Lächeln, klemmte die Sprechmuschel zwischen Kinn und Schulter und spitzte
in Erwartung eines netten Plausches seinen Bleistift. Kleine rotrandige Schnitzfetzen bildeten
eine Schlange auf seiner Schreibtischplatte.
"Ich kann ihn nicht mehr bewegen!"
Michael Röhrdanz nahm einen Schluck von seinem abgestandenen Kaffee und verzog ratlos
das Gesicht.
"Michael, ich habe wirklich Angst!"
Moment mal. Sie weinte doch nicht?
Röhrdanz änderte sofort den Tonfall. Seine Stimme wurde ganz sanft.
"Brauchst du nicht, Liebes. Welcher Arm ist es?" Röhrdanz pustete die Bleistiftfetzen vom
Schreibtischrand.
"Der linke! Ich kann ihn nicht hochheben! Er hängt an mir herunter, als gehörte er nicht zu
mir!" Angela schluchzte. Sie hörte sich hilflos an. Wie ein verletzter kleiner Vogel, dachte
Röhrdanz. Einer, der bis eben noch gesungen und gezwitschert hat und jetzt nicht mehr
fliegen kann.
Röhrdanz sah nervös auf die Uhr. Nein, unmöglich. Um diese Zeit konnte er nicht weg.
"Hör zu, Liebes. Dann bringst du jetzt die Kinder zu deiner Mutter und gehst sofort zum
Arzt!"
"Zu was für einem Arzt soll ich denn gehen?", wimmerte Angela.
Immerhin hatte es nichts mit dem Baby zu tun, dachte Röhrdanz erleichtert.
"Zum Orthopäden, würde ich sagen." Nachdenklich drehte er sich in seinem Schreibtischstuhl
einmal im Kreis, bis er den Hörer an das andere Ohr halten musste. "Da ist doch einer direkt
an der Ecke zur Hauptstraße", fiel ihm ein. "Über der Drogerie im ersten Stock." Er tupfte mit
der Fingerkuppe die letzten Bleistiftkrümel von seiner Kalkulation und pustete sie sauber.
"Der Name steht auf dem Schild an der Hauswand. Heimer heißt der oder so ähnlich.
Heimhuber, Heimann. Irgendwas mit Heim."
"Das fühlt sich total komisch an", unterbrach Angela ihn aufgeregt. Im Hintergrund hörte
Röhrdanz seinen einjährigen Sohn brabbeln, und Denise rief irgendwas dazwischen. "Ich
kann Philip nicht mehr halten, mein Arm ist wie ein fremdes Anhängsel."
"Es ist bestimmt nichts Ernstes", versuchte Röhrdanz die Sache abzutun. "Geh jetzt zum Arzt,
und danach rufst du mich an."
Er führte erneut die Tasse zum Mund, als ihm einfiel, wie ekelhaft die abgestandene Brühe
inzwischen schmeckte, und ließ sie zerstreut wieder sinken.
"Schau, Liebes, dauernd schleppst du die Kinder in den dritten Stock und wieder runter und
klappst den Kinderwagen immer mit dem linken Arm zusammen. Der ist dir bestimmt nur
eingeschlafen, der Arm!" Röhrdanz putzte sich die Brille. "Ich muss mich mehr um dich
kümmern. Du darfst eigentlich sowieso keine schweren Sachen mehr schleppen. Liebes, du
hast dich einfach übernommen! Sag deiner Mutter, dass sie dir von nun an mehr helfen muss.
Fast fünf Kinder in fünf Jahren, da muss sie doch auch mal mit zupacken!"
"Gut", kam es dünn aus dem Hörer. "Ich geh dann mal ..."
Sie ist erst neunundzwanzig, dachte Röhrdanz kopfschüttelnd, und ich habe ihr nicht nur
Christian und Oliver aus meiner ersten Ehe aufgebrummt, die sie ohne mit der Wimper zu
zucken aufgenommen hat, obwohl sie als Teenager nicht gerade einfach sind. Dann kamen
kurz hintereinander unsere gemeinsamen Kinder Denise und Philip zur Welt, und jetzt ist sie
schon wieder schwanger. Klar, dass sie irgendwann schlappmacht. Plötzlich hatte er ein
richtig schlechtes Gewissen.
"Hör zu, Liebes, wenn du willst, kann ich auch mit deiner Mutter reden. Ich weiß doch, wie
ungern du sie um Hilfe bittest. Sie soll mal ihre beiden jüngsten Enkel für ein paar Stunden
nehmen. Oliver kann sich alleine versorgen, wenn er aus der Schule kommt. Und du
kümmerst dich mal nur um dich! Okay? Ich muss jetzt hier weitermachen."
"Ja", schniefte Angela, klang aber getröstet.
"Ich liebe dich. Sei tapfer und mach dir keinen Kopf."
"Ich dich auch", hörte er Angela noch sagen, bevor er den Hörer auflegte, um seine
Schwiegermutter anzurufen.
Vier Stunden später hatte er immer noch nichts von Angela gehört. Zu Hause hatte er es
inzwischen drei Dutzend Mal durchklingeln lassen. Das monotone Tuten zerrte an seinen
Nerven.
Wo steckte Angela nur? Vielleicht hatte sie sich im Anschluss an den Arztbesuch mit ihren
Freundinnen von früher getroffen? War im Cafe oder im Kino?
Beunruhigt wählte er die Nummer seiner Schwiegermutter, wenn auch widerwillig. Er hatte
Helga am Morgen gebeten, ihrer Tochter mit den Kindern zu helfen. Helga hatte eingewilligt,
ihm aber zu verstehen gegeben, dass sie sich Sorgen um ihre Tochter machte.
"Ja, ja! Aber wenn sie doch die Richtige ist!", hatte Röhrdanz matt geantwortet.
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Hera Lind, geboren 1957, studierte Germanistik, Musik und Theologie und war Sängerin, bevor ihr gleich mit dem ersten Roman »Ein Mann für jede Tonart«, ein sensationeller Bestseller gelang. Es folgten u. a. »Das Superweib«, »Die Zauberfrau« und zuletzt »Karlas Umweg« - ihre Bücher erreichten Millionenauflagen. Hera Lind lebt heute mit ihrer Familie bei Salzburg.
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