Die wahre Geschichte über die zerrüttete Kindheit eines kleinen Mädchens - erschütternd, bewegend und mit schonungsloser Ehrlichkeit geschrieben. Als Antoinette 6 Jahre alt ist, beginnt ihr Vater sie zu missbrauchen. Niemals darf sie dieses »Geheimnis« offenbaren. Aber Antoinette nimmt all ihren Mut zusammen und erzählt es ihrer Mutter - doch aus Angst, ihren Mann zu verlieren, duldet ihre Mutter den Missbrauch. Erst als Antoinette mit 14 Jahren von ihrem Vater schwanger wird, wagt sie es, sich jemandem außerhalb der Familie anzuvertrauen. Doch was dann folgt, ist nicht die Erlösung, sondern zunächst eine Fortsetzung ihres Martyriums.
EAN:
206004116648
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Erstes Kapitel
DAS HAUS IN der stillen Vorstadt Dublins war unauf-
fällig. Das breite Backsteingebäude stand etwas nach hinten
versetzt an der Straße, von bepflanzten Rasenflächen
umgeben. Es sah aus wie jedes andere große Wohnhaus.
Die Hausnummer am Tor bestätigte mir, dass ich mein
Ziel gefunden hatte, aber ich schaute doch noch einmal
auf den Zettel in meiner Hand, um mich zu überzeugen.
Doch jetzt musste ich hinein. Ich nahm den Koffer, den
der Taxifahrer auf dem Bürgersteig abgestellt hatte, ging
den Torweg hinunter und stieß die Tür auf.
"Mein Name ist Toni Maguire", stellte ich mich der
leger gekleideten Frau am Empfang vor. "Die Tochter von
Ruth Maguire."
Sie sah mich neugierig an. "Ja, Ihre Mutter hat uns
heute Morgen erzählt, dass Sie kommen würden. Wir
wussten gar nicht, dass sie eine Tochter hat."
Nein, dachte ich, offenbar nicht.
"Kommen Sie, ich bringe Sie zu ihr. Sie wartet schon."
Sie eilte flink über den Flur und führte mich in ein helles
Vierbettzimmer. Mit einem mulmigen Gefühl trottete ich
hinter ihr her.
Vier alte Damen saßen auf ihren Stühlen vor den Nacht-
tischen. Drei der Tische waren mit Fotos von Verwandten
bedeckt, der vierte, der meiner Mutter, war leer. Ich spürte
einen vertrauten Stich. Nicht einmal ein Kinderfoto von
mir stand da.
Eine Decke über den Knien, die Füße auf der erhöhten
Stütze, saß sie auf ihrem Stuhl. Sie sah längst nicht mehr
so kräftig aus wie bei meinem letzten Besuch in Irland
ein Jahr zuvor. Damals hatte sie mindestens zehn Jahre
jünger gewirkt, als das Geburtsdatum in ihrem Ausweis
anzeigte. Jetzt war sie zu einer gebrechlichen alten Dame
zusammengeschrumpft. Sie sah todkrank aus.
Die dunkelgrünen Augen, die mich so oft zornig an-
gefunkelt hatten, füllten sich mit Tränen, als sie mir die
Arme entgegenstreckte. Ich stellte meinen Koffer ab und
umarmte sie. Es war das erste Mal seit vielen Jahren, dass
wir uns umarmten, und ich spürte etwas von meiner ver-
schütteten Liebe zu ihr.
"Du bist gekommen, Toni", murmelte sie.
"Ich wäre immer gekommen, wenn du mich gebeten
hättest", antwortete ich leise. Durch den Morgenmantel
spürte ich, wie mager sie geworden war.
Eine Schwester marschierte herein und zog meiner Mutter
die Decke fester über die Beine. Sie wandte sich an mich
und erkundigte sich höflich nach meiner Fahrt von
London hierher.
"Alles verlief problemlos", sagte ich. "Es hat nur drei
Stunden gedauert."
Dankbar nahm ich den Tee entgegen, den sie mir anbot.
Ich starrte in die Tasse und versuchte mich zu beruhigen.
Ich wollte nicht, dass meine Mutter merkte, wie sehr
mich ihr Zustand schockierte hatte. Ich wusste, dass sie in
das Hospiz eingeliefert worden war, damit die Dosierung
ihrer Schmerzmittel neu eingestellt wurde, aber ich war
mir sicher, dass dieser Besuch mein Letzter sein würde.
Inzwischen hatte man den Arzt meiner Mutter über
meine Ankunft informiert, und er kam ins Zimmer, um
mich zu begrüßen, ein gut gelaunter, angenehmer junger
Mann mit einem breiten Lächeln.
"Ruth", sagte er, "freuen Sie sich über den Besuch Ihrer
Tochter?"
"Sehr", antwortete sie in ihrem gewohnten, damenhaften
Tonfall, so distanziert, als äußerte sie sich zum Wetter.
Als er sich an mich wandte, sah ich den gleichen neugie-
rigen Ausdruck auf seinem Gesicht, den ich auch schon
bei der Empfangsdame bemerkt hatte.
"Darf ich Sie Toni nennen?", fragte er. "So nennt Ihre
Mutter sie."
"Natürlich."
"Wenn Sie Ihren Tee ausgetrunken haben, würde ich
mich gerne kurz mit Ihnen unterhalten. Kommen Sie ein-
fach in mein Büro. Die Schwester zeigt Ihnen den Weg."
Er lächelte meiner Mutter noch einmal aufmunternd zu
und verließ das Zimmer.
Ich trank meinen Tee sehr langsam, denn ich hatte das
Gefühl, dass es kein einfaches Gespräch werden würde.
Schließlich machte ich mich auf, um zu hören, was er von
mir wollte.
Als ich sein Büro betrat, saß ein zweiter Mann in Zivil-
kleidung neben ihm. Nur sein Priesterkragen verriet seinen
Beruf. Ich setzte mich auf den einzigen freien Stuhl und
sah den Arzt mit betont unbeteiligter Miene an. Ich
wartete darauf, dass er das Gespräch beginnen würde. Als
er dann mit behutsamen Worten die Situation schilderte,
verlor ich beinahe die Fassung. Ich erkannte, dass gewisse
Antworten von mir erwartet wurden, Antworten, die zu
geben mir widerstrebte, denn dafür hätte ich den Schrank
mit den Erinnerungen öffnen müssen, in dem der Geist
meiner Kindheit wohnte.
"Die Behandlung Ihrer Mutter stellt uns vor große
Probleme. Vielleicht können Sie uns weiterhelfen. Die
Schmerzmittel wirken nicht so gut, wie sie es eigentlich
sollten. Und wir sind bereits bei der Maximaldosis ange-
langt."
Er wartete auf meine Antwort. Da ich schwieg, fuhr er
fort: "Am Tag zeigt sie sich gegenüber dem Personal sehr
kooperativ, sie lässt sich in die Cafeteria führen, achtet auf
ihr Äußeres und hat einen guten Appetit. Die Nächte
jedoch machen uns Sorgen."
Er zögerte erneut, während ich ihn noch immer unbe-
teiligt ansah. Ich hatte nicht vor, irgendetwas preiszuge-
ben. Nach einer Weile sprach er etwas irritiert weiter.
"Nachts ist Ihre Mutter sehr unruhig. Sie wacht oft auf,
weil sie unerklärlicherweise starke Schmerzen hat. Es
scheint fast so, als kämpfte sie gegen die Medikamente
an."
Die Geisterstunden, dachte ich. Ich kannte diese Stunden
sehr gut, in denen man die Kontrolle über seine Gedanken
verliert und sich die dunkelsten Erinnerungen
anschleichen. Verzweiflung, Zorn, Furcht und Schuldge-
fühle rauben einem den Schlaf. Ich stand dann immer auf,
machte mir eine Tasse Tee, las oder hörte Musik. Aber
was konnte meine Mutter tun, um die finsteren Gedanken
in Schach zu halten?
"Zweimal schon hat sie die Schwester gebeten, den Pfarrer
zu rufen. Aber" - er wandte sich an den Mann neben sich
-, "jedes Mal, wenn er an ihrem Bett stand, hatte sie es
sich anders überlegt und wollte nicht mehr mit ihm reden."
Der Geistliche nickte beipflichtend, und ich spürte, wie
mich zwei Augenpaare musterten, auf der Suche nach einer
Antwort. Dieses Mal brach der Priester das Schweigen, er
lehnte sich über den Schreibtisch und stellte die nächste
Frage.
"Toni, können Sie uns irgendetwas erzählen, das uns
bei der Behandlung Ihrer Mutter helfen könnte?"
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Toni Maguire lebt im englischen Norfolk und in Kapstadt, Südafrika. Nach ihrem Bestseller »Kein Wort zu Mami« erzählt sie jetzt die Fortsetzung ihrer traumatischen Kindheit.
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